Eine wichtige Kompetenz: Übergänge gestalten (Teil 1)

Bei meinen Recherchen zum Themenkomplex internationales Mitreisen, Kompetenzen und Beruf stieß ich bereits vor einiger Zeit auf eine interessante Studie von Frank Michael Orthey zur Modernisierung beruflicher Bildung (Orthey 1999). Der Autor definiert hier besondere Kompetenzen, die im stetigen Modernisierungsprozess von Bildung und Arbeit immer wichtiger werden. Vor allem die „Transversalitätskompetenzen“, die Orthey auch in einem aktuellen Buch erwähnt, weckten mein Interesse. Denn: „Transversalitätskompetenzen bezeichnen die Befähigung, die immer häufigeren Übergänge zu gestalten.“ (Orthey 2013, S. 62) Warum diese Befähigung für international Mitreisende spannend ist, erläutere ich im Folgenden.

Für alle Berufstätigen ist es wichtig, die eigenen Kompetenzen gut zu kennen und ebenso gut darzustellen, sei es für eine Beförderung, einen Arbeitsplatzwechsel oder den Sprung in die Selbstständigkeit. Nicht anders ist die Situation für Mitreisende, zumal wenn sie nach einem Auslandsaufenthalt ohne formale „Erwerbstätigkeit“ wieder in ihren erlernten Beruf zurückkehren oder auch in einem neuen Feld anfangen möchten. Die Frage, wie gerade die vielen informell erworbenen Kompetenzen analysiert und beschrieben werden können, die durch internationale Umzüge, das Ansiedeln und Leben in unterschiedlichen Ländern sowie durch verschiedenste Tätigkeiten (außerhalb formaler Erwerbstätigkeit) entstehen, beschäftigt mich daher schon eine ganze Weile. Auch ist es spannend zu diskutieren, welche Kompetenzen möglicherweise ganz spezifisch beim Mitreisen geweckt oder geübt werden und Menschen mit diesem Lebenskonzept sogar einen Vorsprung ermöglichen.

Aber auch die umgekehrte Frage ist von Interesse: Gibt es Kompetenzen, denen es sich lohnt nachzugehen, weil sie die Situation von Mitreisenden möglicherweise verbessern? Und wenn ja, wie können wir diese Kompetenzen vielleicht erarbeiten und kultivieren?

Beim Blick auf die Kompetenzen, die beim Mitreisen notwendig sind oder auch geweckt werden können, fallen uns natürlich zunächst die „Klassiker“ wie sprachliche Kompetenzen, interkulturelle Kompetenzen, Organisationsfähigkeiten und Ähnliches ein. Wir können auf diese in der Beschreibung unserer Erfahrungen als international Mitreisende nicht verzichten, doch holen sie in vielen Lebens- und Arbeitsbereichen keinen potentiellen Arbeitgeber mehr „hinterm Ofen hervor“. Gerade in einem bestimmten Lebens- und Arbeitsumfeld, wie es etwa in internationalen Großstädten wie Berlin zu finden ist, muss man sich manchmal umgekehrt fragen, wer sie denn NICHT hat, diese interkulturellen Kompetenzen. Das war zumindest einer der Diskussionspunkte, der in den Workshops des Projekts „MAPs (mitreisende PartnerInnen) steigen wieder ein!“, die 2014/15 in Berlin (Steglitz-Zehlendorf) stattfanden, zur Sprache kam. Die bereits genannte Studie von Frank Michael Orthey ist hier besonders interessant in Bezug auf die Frage, ob es nicht auch noch ganz andere als die bekannten Kompetenzen gibt, die international mobile  PartnerInnen aktivieren oder benötigen würden.

Die Studie ist von 1999, aber der Autor hat die darin vorgenommene Kompetenzanalyse auch in jüngeren Büchern verarbeitet. Orthey ist im Rahmen seiner Modernisierungstheorie der Auffassung, dass in Zukunft „jeweils spezifische und zunehmend häufiger zu erneuernde fachliche Kompetenzen benötigt“ werden (Orthey 1999, S. 191). Zusätzlich aber definiert Orthey in seinem Werk sogenannte Meta-Kompetenzen, ohne die die fachlichen Kompetenzen „wertlos“ würden in Bezug auf „die Bewältigung beruflicher Arbeitssituationen unter Modernisierungsbedingungen“ (ebenda).

Ein Feld dieser Meta-Kompetenzen sind die sogenannten Transversalitätskompetenzen:

Diese „bezeichnen die Befähigung, immer häufigere Übergänge zu gestalten. Es geht darum, berufsbiographische, tätigkeitsbedingte, qualifikatorische, (inter-)kulturelle und soziale Übergänge so zu gestalten, dass sinnvoll mit Vergangenem abgeschlossen werden kann, dass Unsicherheiten der Übergangssituation identifiziert, bezeichnet und bearbeitet werden und dass auf dieser Grundlage neue Anschlussmöglichkeiten identifiziert werden und eine Anknüpfung ans Neue möglich wird. Die zu bewältigenden Übergänge sind im globalen Wettbewerb dabei insbesondere auch solche, die traditionelle Grenzen zwischen Systemen, Kulturen, Denktraditionen und Mentalitäten überschreiten und kombinieren.“ (Orthey 2013, S.62)

Diese ausführliche Beschreibung der Kompetenz, Übergänge zu gestalten, erinnerte mich – so abstrakt sie hier auch formuliert sein mag – an viele Situationen in meinem persönlichen privaten wie beruflichen Leben. Nicht selten gab es krasse Wechsel zu bewältigen, in denen ich meine Anschlussmöglichkeiten, vor allem die beruflichen, erst erarbeiten musste. Ich finde es lohnend, diese jeweils persönlichen Lebenswege, wie sie auch im bereits genannten Projekt „MAPs steigen wieder ein!“ zum Ausdruck kamen, mit einer aktuellen Diskussion um Kompetenzentwicklung in Verbindung zu bringen. Hierzu wird es weitere Beiträge geben und ich freue mich über Anregungen durch unsere LeserInnen. Zunächst aber habe ich ein interessantes Interview geführt mit dem Autor und Berater Frank Michael Orthey über die von ihm formulierten Transversalitätskompetenzen.

Literatur

  • Orthey, Frank Michael: Zeit der Modernisierung. Zugänge einer Modernisierungstheorie beruflicher Bildung. S. Hirzel Verlag, Stuttgart 1999
  • Orthey, Frank Michael: Systemisch führen. Grundlagen, Methoden, Werkzeuge. Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart 2013

Foto: Colourbox.de

Ute Ohme

Ute Ohme

Dr. phil. Ute Ohme war bereits während ihres musikwissenschaftlichen Studiums als mitreisende Partnerin in Nepal, dann folgten mehrjährige Aufenthalte in Simbabwe, der Türkei und Südafrika sowie auch innerdeutsche Umzüge. Ute Ohme hat sich ihre beruflichen Betätigungsfelder stets sehr kreativ erarbeitet, zunächst als Organisatorin von Kulturprojekten sowie musikwissenschaftliche Dozentin, später als Organisatorin von Projekten im Bereich Lernen und Erwachsenenbildung. Sie hat zwei erwachsene Kinder und ist heute Beraterin und Coach.

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