Der Umgang mit Lücken im Lebenslauf

Ute Ohme: Frau Koch, Sie sind Karriere- und Bewerbungsberaterin. Der Umgang mit Lücken im chronologischen Lebenslauf ist sicherlich eines der Themen, die Sie mit KlientInnen bearbeiten. Wie geht man ganz allgemein heutzutage damit um?

Antje Koch: Grundsätzlich werden Lücken im Lebenslauf nicht gerne gesehen. Vor allem werden dahinter häufig negativere Gründe angenommen, als tatsächlich vorliegen. Ein kritischer Leser vermutet schnell eine Krankheit oder eine Arbeitslosigkeit, weil jemand sich vielleicht nicht aktiv bemüht hat oder nicht gut genug ist. Und deshalb ist es immer besser, größere Lücken im Lebenslauf zu erklären. Unter drei Monaten stellen sie kein Problem dar, aber man sollte sie verständlich erläutern. Und es gilt: Je länger die Lücken zurückliegen, umso weniger fallen sie ins Gewicht.

U.O.: Also Lücken, die ich vor zehn Jahren hatte, interessieren nicht so sehr?

A.K.: Wenn danach eine regelmäßige Arbeitstätigkeit nachgewiesen werden kann oder eine andere Art der Betätigung, dann ist es nicht entscheidend, wenn Sie vor zehn Jahren mal eine Lücke von vier Monaten hatten. Ebenso geht es bei der Lücke um die Konsequenz, die ein kritischer Arbeitgeber möglicherweise vermutet, nämlich den Kompetenzverlust während dieser Zeit.

U.O.: Viele Mitreisende haben im Ausland aus verschiedenen Gründen keine Möglichkeit, einer klassischen Erwerbstätigkeit, also einer bezahlten Tätigkeit nachzugehen, oder sie möchten es auch nicht. Wie beurteilen Sie diese Situation?

A.K.: Ich finde es gerade hier ganz wichtig, dass man von Inhalten ausgeht und nicht von der Frage der finanziellen Honorierung. Jede Art von Engagement, Weiterbildung oder Ehrenamt ist von Interesse. Auch aus Sicht eines potenziellen Arbeitgebers. Eine Tätigkeit wird nicht unbedingt mehr wert, wenn man dafür Geld bekommt. Aber natürlich geht es trotzdem darum, dass Sie auch aus Ihrer Zeit im Ausland Kompetenzen mitbringen, Erfahrungen und Softskills. Und die haben Sie sich ja genauso erworben im Ehrenamt wie in einer Tätigkeit, für die Sie ein regelmäßiges Gehalt erhalten. Diese Kompetenzen, seien es nun Fachkompetenzen, Medienkompetenzen, Sozial- oder interkulturelle Kompetenzen sollten sorgsam und professionell dargestellt werden. Wie im Berufsleben auch.

U.O.: Viele Mitreisende sind während ihrer Auslandsentsendung in der Tat aktiv. Sie suchen sich kreativ ihre Tätigkeitsfelder und erwerben dabei vielseitige Kompetenzen. Gehören diese Tätigkeiten dann auch heute noch in die Rubrik „Ehrenamt“?

A.K.: Wenn ich mich als Mitreisende oder Mitreisender auf eine Stelle bewerbe, dann würde ich schauen, ob die Tätigkeiten, die ich im Ausland ausgeführt habe, ähnlich sind zu dem, was beruflich auf dieser Arbeitsstelle von mir erwartet wird. Wenn sich das in irgendeiner Weise deckt, dann sollte es auf jeden Fall unter den beruflichen Erfahrungen stehen. Wenn es ein Ehrenamt ist, was tatsächlich ganz weit von dem weg ist, was ich beruflich anstrebe, dann würde ich es bei Ehrenamt belassen.

U.O.: Wobei man dann ja bei dem chronologischen beruflichen CV wieder zu Lücken käme.

A.K.: In diesem Fall könnte man die Zeiträume im Ausland als Block schreiben und unter diese Zeiträume alle diejenigen Tätigkeiten auflisten, die man in dieser Zeit erfüllt hat.

U.O.: Und wenn es mehrere Auslandsaufenthalte sind? Würden Sie die dann in einem Block zusammenfassen?

A.K.: Nein, dann würde ich als Überschrift den allgemeinen Begriff „Werdegang“ wählen und die verschiedenen Lebensphasen darunter auflisten mit den Tätigkeiten, die ich jeweils vollzogen habe. Dann ergeben sich auch nicht diese Lücken.

U.O.: Auch wenn eine Mitreisende oder ein Mitreisender im Ausland aktiv war, gibt es stets die Phasen des Aufbruchs, Umzugs und der Neuansiedelung. Dies kann auch einige Monate beanspruchen und somit entstehen wieder Lücken im Lebenslauf. Sollte diese Phase, die ja auch voller Tätigkeiten ist, jedes Mal benannt werden? Oder schlagen Sie einen anderen Umgang mit diesen Zeiten vor?

A.K.: Wenn ich in meinem Lebenslauf von „Werdegang“ spreche, dann schreibe ich nur das Datum des Auslandsaufenthalts und dann die Tätigkeiten, die ich gemacht habe. Dann ist es auch nicht so entscheidend, dass ich die Tätigkeit nicht sofort begonnen habe. Man könnte sogar die Monatszahlen weglassen, also nur die Jahreszahlen nennen. Dann ist für jeden Leser klar, dass die Phase des Umzugs und der Neuansiedelung mit eingeschlossen ist. Wichtig ist, damit selbstbewusst und professionell umzugehen.

U.O.: Trotzdem bleibt es für Mitreisende mit einem „Patchwork-Lebenslauf“ manchmal schwieriger, überhaupt eingeladen zu werden, um dann im Gespräch die besonderen Kompetenzen noch besser erläutern zu können. Wenn es viele Bewerber gibt, wird ja zunächst geschaut, ob die Anforderungen und die Bewerbung zusammenpassen. Und dann fallen Aspekte wie Flexibilität, oder die Fähigkeit sich schnell auf neue Situationen einzustellen und sich einzuarbeiten, wieder heraus.

A.K.: Natürlich gilt für alle Bewerber, also auch für Rückkehrer: Wenn ich mich auf eine Stelle bewerbe, muss ich dem Arbeitgeber zeigen, dass ich die Anforderungen, die er stellt, erfülle. Da gibt es im Grunde keinen anderen Ansatz.

U.O.: Und die anderen Qualitäten sind nur zusätzlich.

A.K.: Ja, aber mit denen kann man richtig punkten. Und vieles kann man auch positiv darstellen. Wenn jemand sagt, er hatte noch keine Führungserfahrung, weil er das früher im Beruf nie gemacht hat, war aber ehrenamtlich im Ausland für eine Gruppe verantwortlich, dann ist das sehr wohl Führungserfahrung. Man muss also auch genau analysieren, was man gemacht hat und dem Arbeitgeber professionell darlegen, dass das genau ist, was er sucht. Und wenn ich diese Dinge nur unten an den Rand schreibe, fällt es ihm einfach nicht auf.

U.O.: Welche Funktion könnte die sogenannte dritte Seite für Mitreisende haben. Wäre es denkbar, hier die besonderen Tätigkeiten und Erfahrungen, die mit der internationalen Mobilität einhergehen, zum Ausdruck zu bringen?

A.K.: Ja, das kann eine sehr gute Möglichkeit sein. Gerade dieses Übersetzen der Tätigkeiten und Ehrenämter im Ausland auf die Tätigkeiten und Anforderungen, die der Arbeitgeber sucht. Dass man dem Arbeitgeber im Grunde genommen die Arbeit abnimmt. Das kann man gut auf einer dritten Seite mit einem Kompetenzportfolio machen.

U.O.: Eine abschließende Frage: Was sind die aktuellen Trends in der Gestaltung der Bewerbung in Deutschland?

A.K.: Natürlich gibt es mehr und mehr Online-Bewerbung. Außerdem wird das Bewerbungsgeschehen insgesamt internationaler. Das bedeutet, dass die ganz strengen Standards, die in Deutschland mal galten, heute bereits flexibler gehandhabt werden. Natürlich gilt, dass Sie das Können, die Leistungsbereitschaft sowie die Persönlichkeit für die angebotene Stelle mitbringen und leserfreundlich vermitteln müssen. Daran hat sich nichts geändert. Aber man kann heute flexiblere und kreativere Wege gehen.

U.O.: Vielen herzlichen Dank für das Gespräch!

Antje Koch

Antje Koch

Antje Koch studierte BWL mit Schwerpunkt Industriebetriebslehre, Personalwesen und Wirtschaftspsychologie. Sie arbeitete elf Jahre im Personalbereich eines internationalen Konzerns u.a. in den Bereichen Personaleinstellung, Personalentwicklung und -marketing sowie im Bereich Führungskräfteentwicklung. Seit August 1997 ist Antje Koch als freiberufliche Trainerin und Beraterin selbstständig, u. a. bei Hesse und Schrader, Büro für Berufsstrategie. Ihr Schwerpunkt sind alle Themen rund um Karriereplanung und Bewerbung sowie Kommunikationstraining und Führungskräfteschulung.

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